Zwischen Karriere und Familie
Identitätskonflikte einer weiblichen Führungspersönlichkeit
Ausgangssituation:
G: "Es lässt sich eine Führungsaufgabe für mich unter diesen Umständen nicht umsetzen. Das Bedürfnis nach einer familienfreundlichen Arbeitszeitregelung wird nicht unterstützt!"
H: Wie würden Sie Ihre Situation aus einer Innensicht beschreiben?
G: Ich komme an das, was ich leben möchte, nicht heran. Und das, was ich gelebt habe, passt nicht mehr zu mir, zu meiner Lebenssituation mit drei Kindern.
H: Woher nehmen Sie die Vorstellung, was Sie leben möchten?
G: Aus meiner Erinnerung an die Arbeit bei der Firma X. Das Aufgehoben-Sein in einer beruflichen Gemeinschaft. Das Dazugehören. Ganz wichtig. Die gemeinsame geistige Auseinandersetzung, bei der mehr entsteht, als wenn man alleine arbeitet. Wenn man das mal erlebt hat, der gemeinsame Flow. Das ist ein tolles Erlebnis. Das macht Spaß! Das macht glücklich!
H: Und das gibt es heute nicht mehr?
G: Das gibt es heute nicht mehr. So nicht mehr! Ganz selten! In einem zweistündigen Gespräch mit einer Freundin, die als Führungskraft arbeitet. Da kam es wieder - der Tonfall allein! Die Begeisterung! Eine gewisse Leichtigkeit! Den Tonfall hatten wir früher im Studium. Diese Stimmung ist wiederholbar. Das merke ich, wenn ich mit ihr spreche. Ich war früher jemand, der viel gelacht hat. Ich hatte in der Firma X für jedes Bedürfnis einen Kollegen. Mit dem einen habe ich viel gelacht und Blödsinn gemacht. Mit dem anderen habe ich hoch geistige Gespräche geführt. Mit dem anderen konnte ich mal chic ausgehen. Das sind so Erlebnisse, das war einfach toll. Workshops, Vorträge, Berlin. Das war einfach schön. Wem macht das nicht Spaß? Dagegen ist mein heutiges Leben einfach öde und langweilig. Diese Dinge kann ich nicht mit meinen Kindern leben und auch nicht mit meinem Mann.
H: Was ist also Ihr Wunsch an das Leben jetzt?
G: Ich möchte noch einmal in einem Team erleben, was ich früher erlebt habe: Spaß, Herausforderung, bereichernde Begegnungen.
H: Wo sind Sie jetzt in dem Zyklus?
G: Wenn ich einen Job hätte, dann kann ich diese Wir-Orientierung leben, da ich weiß, was ich will! Ich glaube, dass mein künftiger Chef noch nicht so weit ist. Was ja wieder eine Herausforderung ist...
H: Wollen Sie diese Herausforderung annehmen? Ohne Vorbehalte?
G: Die Vorbehalte habe ich.
H: Wollen Sie das in dem vorgegebenen Rahmen machen? Ja oder Nein?
G: Ich hasse es, so lange auf der Autobahn zu sein.

Pause:
H: Was ist eigentlich ihr Problem?
G: Die Angst zu versagen. Die Angst, das zu leben, was ich leben möchte: Kinder und Arbeit – beides mit hohem Anspruch!
H: Bitte formulieren Sie ein Motto für Ihre Lebenssituation, das Ihre Lebenssituation, die Widersprüche zusammenführt. Analog zu dem Lebensmotto "Ich bin blind und ich bin gesund!" Ihr Motto!
G: Ich bin ängstlich und das ist ok! Was ich alles geschafft habe...
H: Wollen Sie das "ok" durch etwas anderes ersetzen?
G: "Ich bin ängstlich, aber mutig!" "Ich habe Angst, aber ich mache es trotzdem!"
H: Würde Sie das stärken, wenn Sie "und" sagen?
G: Wahrscheinlich eher! Die zwei Gegensätze, die machen es mir schwer! Es ist die Frage: Wozu nutzt der Mut? Man fängt was an, man traut sich was und macht positive Erfahrungen. Diese nehmen mir aber nicht die Angst.
H: Es ist die Frage: Was nutzt die Angst?
G: Sie nutzt, dass ich mich nicht überfordere, dass ich nichts mache, was mir schadet und was den Kindern schadet.
H: Was ist die Angst in Wirklichkeit?
G: Verantwortung für mich und die Kinder. Bewusstsein der eigenen Grenzen. Und Kennen der eigenen Grenzen und Möglichkeiten, der eigenen Ressourcen.
H: Hindert Sie die Angst, in die Führung zu gehen?
G: Nein!“
