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Intuition im Fokus – Wie Bauchgefühl und Konzentration zusammenwirken

Eine starke Intuition hilft uns, das Richtige zu tun. Doch können wir uns zur Be­wältigung unserer komplexen Lebenswelt wirklich auf unser „Bauchgefühl“ verlassen?

„Je komplexer eine Entscheidung, desto mehr sollte man seinem Unterbewussten vertrauen“, sagt der Amsterdamer Psy­cho­loge Ap Dijksterhuis (zitiert in Spiegel Online am 25.06.2008). Doch ist das tatsächlich so? Immer mehr Menschen glauben, dass ihre Entscheidungen auf einem Gefühl beruhen. Eine Entscheidung „fühlt sich richtig an“, ist „stimmig". Doch was bedeutet das wirklich? Selbst die Aussage „Das ist plausibel“ ist weniger ein objektiver Beweis als vielmehr eine Behauptung, die auf die Zustimmung anderer abzielt.

Interessanterweise bestätigen selbst Richter an höchsten Gerichten, dass ihre rational formulierten Ent­schei­dungen letztlich auf einem starken Gefühl für das Richtige beruhen. Aber können wir unsere Ent­scheidungen tatsächlich diesem soge­nannten „Bauchgefühl“ überlassen? Ist Intuition gleichzusetzen mit Bauchgefühl, wie manche behaupten? Mit Blick auf das Verhalten führender Politiker und Manager hege ich Zweifel.

Intuition – Ein komplexes Phänomen

Intuition ist mehr als nur ein Bauchgefühl. Es herrscht breiter Konsens darüber, dass Intuition im Unterbewusstsein wirkt, auch wenn ihre genaue Funktionsweise weiterhin ungeklärt ist. Selbst die Neurowissen­schaften haben bislang keine vollständige Erklärung geliefert. Man könnte sich Intuition als eine Art neuronales Gewitter vorstellen, das sich irgendwann in einer stimmigen Entscheidung entlädt – doch dieses Bild bleibt unbefriedigend.

Wie begegnet uns Intuition im Alltag, und wie können wir sie verstehen? Früher glaubte ich, eine besondere Begabung für Intuition zu haben. (Meine Frau scherzt: Drittes Auge, viertes Gesicht und fünfte Antenne). Einmal, als ich im Nebel kurz vor einer Kurve unvermittelt auf die Bremse trat und sagte: „Da steht was auf der Straße!“, fanden wir tatsächlich eine Kuh vor uns. Ähnliche Situationen erlebte ich später öfter. Heute bilde ich mir ein, tatsächlich eine Intuition für Gefahren im Straßenverkehr zu haben. Doch hängt das mit gesteigerter Aufmerksamkeit und Konzentration zu­sammen?

Himmel

Aufmerksamkeit, Flow und Intuition

Aufmerksamkeit und Intuition – das ist mein eigentliches Thema. Ich sehe einen Zusammenhang zum Flow, dem Zustand, in dem man völlig in einer Aufgabe aufgeht. Kürzlich erzählte ich von meiner Erfahrung, dass das Gehirn über Nacht weiterarbeitet, wenn man sich intensiv mit etwas beschäftigt. Es ging damals um einen Vortrag zum Thema Zeiterleben, der mich vollständig in Anspruch nahm. Wiederholt stellte ich meinem Unterbewusstsein die Aufgabe, im Schlaf weiterzuarbeiten. Am nächsten Tag erlebte ich mehrmals eine Art Klartraum, in dem ich im Halbschlaf beobachten konnte, wie sich klare Vorstellungen zum Thema entwickelten. Doch als ich versuchte, diese Beob­achtungen später aufzuschreiben, gelang es mir kaum noch.

Daraus schließe ich, dass mein Gehirn – oder ein Teil davon – selbstständig an der Lösung von Fragen arbeitet, die mich stark beschäftigen. Nehmen wir ein aktuelles Beispiel: Seit langem war ich unzufrieden mit der Bezeichnung Coach. Auch der Begriff Berater schien mir nicht passend. Durch Supervision entschied ich schließlich, mich nicht mehr als Coach, sondern als Berater und Begleiter zu sehen.

Die Rolle der Intuition im Entscheidungsprozess

Was sagt dieser Prozess über die Arbeit meiner Intuition aus? Meine Intuition, mein vorbewusstes Denken, beschäftigt sich intensiv mit Problemen und sucht aktiv nach Lösungen. Sie veranlasst mich, externe Unterstützung zu suchen und wählt dabei sogar die geeignete Person aus – auf Grundlage von Aspekten, die mir zunächst nicht bewusst zugänglich sind. Später kann ich feststellen, dass meine intuitive Entscheidung richtig war, und empfinde sie dann als stimmig.

Intuition hat auch mit Vertrauen zu tun – in mich selbst und in die Überzeugung, dass es für jedes wichtige Problem eine Lösung gibt. Vielleicht nicht immer die Lösung, die ich mir vorgestellt habe, aber eine Lösung, die innere Ruhe bringt. Dann kann der unruhige Geist zur Ruhe kommen und sich dem nächsten Thema zuwenden.

Doch der Geist sucht sich immer wieder neue Beschäftigung. Dieses Beschäftigt-Sein kann zur Sucht werden. Wir fühlen uns zwischen den unterschiedlichsten Themen hin- und hergerissen und wissen manchmal nicht, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten sollen.

Kirchtürme

Die Grenzen der Intuition und die Bedeutung der Konzentration

Unsere Intuition signalisiert uns, dass dieser Zustand nicht optimal ist – weder für unser Seelenleben noch für unsere körperliche Gesundheit. Offensichtlich ist die Intuition manchmal mit solch komplexen Situationen überfordert. Vielleicht entfaltet sie ihre Fähigkeit des Sortierens, Vergleichens und Entscheidens vor allem dort, wo wir uns auf eine Sache konzentrieren. Das würde erklären, warum Intuition im Flow, einem Zustand höchster Konzentration, am wirksamsten ist.

„Konzentration entsteht, wenn wir uns mit aller Kraft einer Sache widmen. Je besser wir uns konzentrieren können, desto besser können wir uns fokussieren. Fokussieren bedeutet ‚scharfstellen‘: Wir rücken eine Sache ins Zentrum unseres Bewusstseins. Wir sind in unserem Denken viel präsenter als vorher. Konzentration lässt unsere Intuition zunehmen, unsere innere Sehkraft wird stärker“ (Jack Kornfield, Das weise Herz, München 2008, S.447). Ent­scheidungen, die aus einem Bauchgefühl heraus getroffen werden, haben diese besondere Qualität der Klarheit und Tiefe oft nicht

Fazit: Intuition als wertvoller Begleiter

Intuition begleitet uns den ganzen Tag. Sie wirkt unterstützend und orientierend im Hintergrund, ohne dass wir uns dessen immer bewusst sind. Je komplexer die Lebenssituation ist, desto höher sind die Anforderungen an unsere Intuition. Ver­mutlich spüren wir intuitiv, wenn unsere Fähigkeit zur Intuition überfordert ist, und erleben dann geistige und körperliche Symptome.

Hier kommt das Bewusstsein ins Spiel: Wir können unsere Intuition unterstützen und stärken, indem wir bewusst die Komplexität reduzieren und uns auf das Wesentliche konzentrieren. Eine bewusste Entscheidung, die nicht nur aus der Intuition, sondern auch aus einem klaren Verständnis der Situation heraus getroffen wird, kann uns helfen, werteorientierte Entscheidungen zu treffen, die uns innerlich überzeugen. Dabei bleibt die Intuition ein wertvoller Berater, der uns im Alltag unterstützt.

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