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Gute Führung bringt Menschen zusammen

Führung ist in Zukunft vor allem Beziehungsarbeit

Das Denkmal in Lissabon, das „Padrão dos Descobrimentos“, zeigt Menschen, die sich unter einer gemeinsamen Vision vereinen – eine Darstellung, die die Kraft der Führung und das Streben nach einem großen Ziel symbolisiert. Doch dieses Monument erinnert uns auch an eine Zeit, in der Macht und Einfluss häufig missbraucht wurden, und daran, wie Führung oft mit schmerzlichen Konsequenzen für andere einherging. Diese Ambivalenz führt uns die tiefgreifende Verantwortung und auch die Gefahr vor Augen, die jede Form von Führung mit sich bringt: Führung kann Menschen zusammenbringen, doch sie birgt ebenso das Risiko von Macht­missbrauch und Unterdrückung.

Heute, in einer Welt, in der Autokraten weltweit nach Macht greifen und aufbegehrende Menschen sich oft unter Einsatz ihres Lebens für eine gerechte, friedvolle Zukunft einsetzen, wird die Herausforderung einer neuen Art von Führung besonders deutlich. Eine Führung, die nicht auf Kontrolle und Dominanz setzt, sondern auf Mitverantwortung, ethisches Handeln und echte Beziehung. Die Notwendigkeit, Führung neu zu denken, war noch nie so groß.

Dabei ist mir bewusst, dass eine ethisch verantwortungsvolle Führung eine „fast menschenunmögliche Aufgabe“ ist – wie es der Pädagoge und Philosoph Hartmut von Hentig formuliert. Es ist eine Herausforderung, die uns auf vielen Ebenen fordert: als Führungskräfte, als Mitmenschen und als Gesellschaft. Doch es ist eine Aufgabe, für die es sich einzusetzen lohnt, auch wenn der große Erfolg vielleicht nicht heute oder morgen sichtbar sein wird. Denn jede Veränderung beginnt im Kleinen – in jedem Gespräch, in jeder Entscheidung und in jeder zwischenmenschlichen Begegnung, die auf gegenseitigem Respekt und echtem Verständnis aufbaut.

Denkmal in Lissabon, das „Padrão dos Descobrimentos“

Führung darf nicht darin bestehen, dass eine einzelne Person das gesamte Team, eine Organisation oder gar eine Gesellschaft nach ihrem Willen lenkt, ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl. Stattdessen muss Führung darauf beruhen, Menschen miteinander zu verbinden, sodass sie gemeinsam etwas Größeres erreichen können. Die Qualität der Beziehungen, die wir im Alltag und im Beruf aufbauen, entscheidet dabei über den Erfolg und über die Integrität der Führung.

Damit solche Beziehungen nachhaltig und konstruktiv sind, müssen alle Beteiligten das Gefühl haben, Teil einer sinnvollen und wertschätzenden Verbindung zu sein. Der Sozialpsychologe Aaron Antonovsky spricht davon, dass Menschen sich in einer Beziehung grundsätzlich wohlfühlen sollten, selbst wenn nicht alle ihre Wünsche erfüllt werden. Beziehungen sind jedoch empfindlich und bedürfen ständiger Pflege. Gute Führung ist ein fortwährender Prozess, der das „Ich“ zum „Wir“ macht und das Team stärkt.

Dieses „Wir-Gefühl“ ist Ausdruck einer gemeinsamen Verpflichtung zu einem Ziel, das für alle sinnvoll ist. Wenn ein Team diesen Konsens erreicht, entsteht eine neue Qualität der Zusammenarbeit, in der jeder Einzelne gesehen, respektiert und wertgeschätzt wird. In einem solchen Umfeld tritt das Bild der klassischen, autoritären Führung in den Hintergrund, und das Miteinander rückt in den Mittelpunkt. Gute Führung zeigt sich hier weniger in der Lenkung von Menschen als vielmehr in der gemeinsamen Verantwortung für das Ganze.

Ein solches Führungsverständnis erfordert jedoch eine grundlegende Veränderung. Wir müssen lernen, Führung als offene, transparente und verantwortungsvolle Beziehungsgestaltung zu sehen. Neue Ansätze wie wertschätzende Führung und konstruktive Konfliktlösungsstrategien sind zentrale Bausteine für die Zukunft. Gleichzeitig muss sich auch das Persönlichkeitsprofil von Führungskräften weiterentwickeln, um den Anforderungen einer ethisch verantworteten Führung gerecht zu werden.

Hier kommt die Bildungsarbeit ins Spiel: Die Vermittlung von Führungskompetenzen darf kein exklusives Wissen bleiben, sondern muss Teil der allgemeinen Persönlichkeitsbildung werden. Führungskompetenz muss von allen verstanden und mitgetragen werden, um demokratische Werte und eine gerechte Gesellschaft zu fördern. Die Ambivalenz, die sich in historischen Darstellungen von Führung zeigt, ist eine wertvolle Erinnerung daran, dass wir die Macht und Verantwortung der Führung immer kritisch reflektieren müssen – damit sie zum Wohle aller und nicht zum Schaden weniger eingesetzt wird.

Das Ziel mag hochgesteckt und manchmal fast unerreichbar erscheinen. Doch der Einsatz für eine gerechte und verantwortungsvolle Führung ist eine lohnende Aufgabe, die sich in jedem kleinen Schritt und in jeder alltäglichen Entscheidung verwirklicht. So entsteht nach und nach eine Gesellschaft, in der Führung kein Instrument der Unterdrückung ist, sondern eine gemeinsame Grundlage für ein friedliches und partnerschaftliches Zusammenleben.

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