Persönlichkeitsbildung als Lebensaufgabe
Das Projekt „Bildungszukunft“
Das Projekt „Bildungszukunft“ war anfangs, zwischen 2000 und 2012, vor allem auf die Zukunft der Institution Schule gerichtet. Über verschiedene Phasen meiner persönlichen Entwicklung fand ich allmählich zu einem umfassenderen und vertieften Verständnis von Bildung. Ich verstehe heute Bildung als einen ganzheitlichen und dynamischen Prozess, der ein ganzes Menschenleben umfasst. Persönlichkeitsbildung ist für mich - ganz im Einklang mit der östlichen Philosophie – das Bemühen um Bewusstheit im Alltag.

Einführung: Persönlichkeitsbildung als Lebensaufgabe
In diesem Text spreche ich bewusst von Persönlichkeitsbildung und nicht von Persönlichkeitsentwicklung. Der Begriff Persönlichkeitsbildung reflektiert eine ganzheitliche und dynamische Sichtweise auf den Prozess der Selbstwerdung. Während Persönlichkeitsentwicklung oft als ein zielgerichteter Fortschritt verstanden wird, betont Persönlichkeitsbildung den lebenslangen, kontinuierlichen und bewussten Prozess des Lernens und Reifens. Dieser Ansatz integriert nicht nur die Entwicklung von Fähigkeiten und Wissen, sondern auch die tiefere Reflexion über sich selbst und die eigene Rolle in der Welt. Er ist stark von östlichen Philosophien beeinflusst, die Bewusstheit, Achtsamkeit und die Einheit von Körper, Geist und Seele betonen. Persönlichkeitsbildung ist somit eine lebenslange Aufgabe, die darauf abzielt, ein erfülltes und sinnstiftendes Leben zu führen, indem man ein tiefes Verständnis für sich selbst und die Welt entwickelt.
Die damit verbundene Qualität der Wahrnehmung der Alltäglichkeit ermöglicht auch ein Höchstmaß an Zufriedenheit und Gesundheit unter den gegebenen persönlichen Voraussetzungen und Lebensbedingungen der aktuellen Lebensphase: „Ich bin mit dem Leben, so wie es im Moment ist, zufrieden“. „Ich fühl mich mit mir wohl, so wie ich bin“. In diesen Aussagen zeigen sich unsere Vorstellungen von „Glück“.
Die Lebensumstände unserer Umwelt ändern sich jedoch ständig – und wir uns mit ihnen. Es liegt daher in unserer eigenen Verantwortung, „Wohlergehen“ auch unter veränderten Umständen zu erhalten. Dabei stellen wir fest, dass das eigene Wohlergehen auch von dem Wohlergehen anderer Menschen abhängt.

Unter dieser Perspektive ist Wohlergehen keine Kategorie allein der Befindlichkeit im Jetzt, sondern auch eine politische Aufgabe, sich an der Verbreitung des allgemeinen Wohlergehens zu beteiligen.
„Wirklich gut kann es uns nur gehen, wenn es allen gut geht“. Das ist die ethische Haltung, die ich mit „Bildungszukunft“ heute verbinde.
Wir können auch darin Zufriedenheit gewinnen, dass wir uns täglich und konsequent für bessere zwischenmenschliche Beziehungen und verbesserte Arbeits- und Lebensbedingungen einsetzen.
Dieser Einsatz beginnt bei uns selbst: Durch tägliche innere Arbeit an destruktiven Emotionen, Gedanken und Vorstellungen, die unser Leiden am Leben verursachen. Welche auch Leiden bei anderen verursachen. Die Reichweite eines Leid verursachenden Verhaltens ist besonders groß, wenn Führungskräfte die ethische Dimension ihrer Verantwortung vernachlässigen oder außer Acht lassen.
Durch bewusste Lebensführung und Persönlichkeitsbildung kann sich ein friedvolles und konstruktives Verhältnis zu uns selbst, zu anderen Menschen und zur Natur überhaupt erst herausbilden. Immer auch im Bewusstsein der Dynamik unserer widersprüchlichen menschlichen Natur.
Diesen Weg gehen wir nicht allein. Auch andere Menschen sind schon unterwegs, weltweit. Und andere haben diesen Weg der persönlichen Bildung schon lange vor uns beschritten: Erfahrungen und Erkenntnisse der östlichen Weisheitslehre und die der modernen westlichen Psychologie stehen heute in einem fruchtbaren Prozess des Austausches und der Weiterentwicklung. Wir können ihre Erkenntnisse als hilfreiche Unterstützung für unsere tägliche Arbeit nutzen - im Innen und im Außen. Kleine Gedichte oder Lebensweisheiten können uns in unserem Tun bestärken:
Die Bedeutung der Intuition für die Persönlichkeitsbildung
Die moderne Bildungstheorie geht davon aus, dass die formale Bildung in der Schule nur etwa 30% Anteil an der persönlichen Bildung des einzelnen Menschen hat. Die übrigen 70% resultieren aus informellen Fortbildungen, persönlichen Interessen und Erfahrungen sowie den starken Einflüssen, die unsere mannigfaltige soziale und natürliche Umwelt seit unserer frühen Kindheit auf uns ausübt.

Es wird deutlich, dass persönliche Bildung zum größeren Teil unter dem Einfluss unterschiedlicher und oft widerstreitender Kräfte stattfindet. Die individuelle Verarbeitung komplexer Lebenssituationen im Verlaufe eines Lebens nennen wir „Lebenserfahrung“. Die „Intuition“ ist ein unterbewusster Rückgriff auf diese Lebenserfahrung in einer konkreten Handlungssituation. Der starke Einfluss der „Intuition“ auf unsere rationalen Entscheidungen ist inzwischen allgemein anerkannt und ein großes Thema in der Beratung von Führungskräften. Doch die Intuition ist eine „Blackbox“, denn wir wissen nicht, wie sie funktioniert. Da sich in der Intuition auch die bisher unerkannten Anteile unserer Persönlichkeit angesammelt haben, also alle Emotionen, Gedanken und Vorstellungen, die wir im Laufe eines Lebens erworben haben, beinhaltet Persönlichkeitsbildung auch die Aufgabe, sich dieser unbekannten Einflüsse bewusst zu werden.
Wenn wir Bewusstheit und Aufmerksamkeit im Alltag als Lebenshaltung etabliert haben, können wir die destruktiven Einflüsse aus unserem Unterbewusstsein rechtzeitig erkennen, bevor sie sich als schädliches Verhalten auswirken. Wir werden uns der konstruktiven Kraft unserer Intuition bewusst und lernen ihr zu vertrauen. Das ist ein Ziel der Persönlichkeitsbildung.
Selbstvertrauen in die eigenen Entscheidungen finden wir bei vielen selbstkritischen und verantwortungsbewussten Menschen in einer Führungsrolle. Darin zeigt sich die besondere Qualität ihrer Lebenserfahrung. Aber auch für diese erfahrenen Führungskräfte lohnt es sich, das unterstützende Potential ihrer Intuition noch bewusster und gezielter zu nutzen. Dabei kann die innere Arbeit auf den drei Ebenen der Persönlichkeitsbildung hilfreich sein.

Aus dem Schaubild wird ersichtlich, dass Persönlichkeitsbildung auf drei Ebenen stattfindet: Ebene der bewussten Lebenshaltung, Ebene der reflektierten und zielgerichteten Lebensführung, Ebene der Alltagspraxis in widersprüchlichen Lebenssituationen.
Von grundlegender Bedeutung ist zunächst meine Beobachtung, dass das Unterbewusste einen starken Einfluss auf unser Verhalten im Alltag hat. Unter diesem Einfluss verändern wir uns jeden Tag. Solche Veränderungen werden normalerweise jedoch nicht wahrgenommen, so dass wir dann auch keinen Einfluss auf unser Verhalten nehmen können. Wir sind gewissermaßen geleitet von unserem Unterbewusstsein, obwohl wir doch davon überzeugt sind, ganz bewusst zu leben: Wir sind also in der Tendenz nicht frei in unseren Entscheidungen.
Die Persönlichkeitsbildung zielt nun darauf, diese unbewussten Einflüsse bewusst zu machen. Mancher mag zu Recht daran zweifeln, dass dies möglich ist, denn unsere Persönlichkeitsbildung hat ja ihren Anfang in unserer frühen Kindheit und möglicherweise schon im Mutterleib.
Persönlichkeitsbildung beruht nach meiner Vorstellung auf der Freiheit zur Entscheidung. Diese These erscheint paradox: Wie kann ich von Freiheit sprechen, wenn wir doch schon immer in unseren Emotionen, Wünschen und Vorstellungen über die Welt durch Erziehung und unterbewussten Erfahrungen „voreingestellt“ sind?

Es geht darum, den „historischen“ Moment in meinem Leben zu erkennen, in dem ich mir darüber bewusst werde, dass mein Leben nicht völlig festgelegt ist. Dadurch gewinne ich die geistige Freiheit, darüber zu entscheiden, wie ich mein weiteres Leben gestalten will.
Ab dem Moment der Bewusst-Werdung meiner geistigen Freiheit (die unwiderruflich ist) kann ich mich gezielt mit den unterbewussten Einflüssen auseinandersetzen, die mich in meinen Emotionen, Vorstellungen und Verhalten beeinflussen.
Jetzt geht es um die Fragen der künftigen Lebensführung: Welche Emotionen, Verhaltensweisen und Vorstellungen nehme ich wertschätzend als konstitutiv für meine Persönlichkeit wahr? Welche Emotionen, Verhaltensweisen und Vorstellungen nehme ich als Leid verursachend, also als destruktiv wahr? Wie kann ich zu einem konstruktiven Verhalten gelangen? Diese Fragen kennzeichnen das Feld der Lebenskunst als Persönlichkeitsbildung.
In der normalen Alltagspraxis wird es bei meiner inneren Arbeit immer nur um einzelne Themen gehen, die ich aktuell als besonders Leid verursachend wahrnehme und die ich gezielt bearbeiten will. Möglich wird dies, weil ich mir gleichzeitig auch sicher bin, dass ich mit mir einverstanden bin, „so wie ich bin“! Dass es mir insgesamt gut geht. Ein stabiles Selbst-Verständnis ist die Grundlage für den mitunter langwierigen Prozess der Befreiung von destruktivem Verhalten: Immer pendeln wir zwischen Stabilität und Veränderung. Möglicherweise verbirgt sich dahinter die grundlegende Dynamik unserer menschlichen Existenz. Es ist die wichtigste Aufgabe unserer Persönlichkeitsbildung, in dieser Dynamik immer wieder zu einem gesunden Ausgleich zu kommen.
Wie kann ich diesen Moment des Ausgeglichen-Seins als inneres Bild „abspeichern“? Als ein Glücksgefühl, an dem ich mich bei einer emotionalen Talfahrt wieder aufrichten kann. Als ein emotionales Leitbild für meinen Alltag.
Hier mag mein Gedicht „Die Weite, die trägt“ behilflich sein!

Bild: Ulrike Springer
Mit leichten Schwingen
fliegt Ikarus,
der Menschen Freund.
Der Glanz der Sonne
spiegelt sich im Meer.
Braun fettig gefaltete Erde
tief gepflügt gewendet
ans Tageslicht gebracht.
Wärme trägt ihn.
Winde streicheln seine Seele
unendlich zart
getragen von Liebe
und Vertrauen
zieht Ikarus weite Kreise
wohl bedacht.
Gedicht: Peter Herrmann (2016)
