Mein Lebensphasen-Modell - modellierte Erfahrung und Reflexionsfläche
Einführung
Mein Lebensphasen-Modell ist ein heuristisches Modell, in dem ich meine Erfahrungen in der Praxis mit Überlegungen zur Entwicklung einer gesunden Führungspersönlichkeit verbinde.
Es bietet einen Überblick über den Lebenszyklus einer Führungspersönlichkeit und beleuchtet die mentalen und praktischen Herausforderungen, die in den einzelnen Lebensphasen bewältigt werden müssen.“
Mit dem Lebensphasen-Modell verbinde ich den Anspruch, jüngeren Führungspersönlichkeiten eine fundierte und praktische Orientierung für ihre Entwicklung zur Führungspersönlichkeit zu geben. Dieses Modell ist die Grundlage meines Mentorings. Es kann auch völlig selbstständig als Medium einer kritischen Reflexion genutzt werden, um den eigenen Weg zur Führungspersönlichkeit zu finden.


Grundlagen
Motivation
„Berufszyklus-Lebenszyklus
Auch im Beruf gibt es ein letztes Mal, ein sich verabschieden von Bedeutung oder Prestige, von dem guten Gefühl Teil eines guten Teams zu sein, wichtig zu sein für das Funktionieren, dass sich aus eigenen Impulsen oder Ideen Initiativen oder Strukturen entwickeln
Davon muss man sich auch verabschieden.
Dass man sich von dem freundschaftlichen Umgang im Team trennen muss und dass man diesen Abschied antizipieren muss bzw. in sein Leben integrieren, so wie man den Tod ins Leben holen sollte, damit man das Leben mit der Angst vor dem Tod bewusst leben kann. Endlich leben - endlich arbeiten.“
Reflexionen einer jungen Frau in einer Lebenskrise Quelle: Gesprächsprotokoll Frau G
„Sie (Autoren der Arbeitswissenschaft) haben einen Menschen vor Augen, der sich zunehmend selbst organisieren muss, weil sich vorgegebene Strukturen auflösen. Das ist eine sehr rationale Betrachtung der Lebensführung, die plausibel erscheint und die für mich durchaus eine Bedeutung für eine bewusste Lebensführung hat.
Die Frage bleibt jedoch, ob dieses rationale Modell der Lebensführung die ganze Wirklichkeit erfasst.
Denn unser Führungshandeln ist weitaus mehr durch Intuition und durch unsere aktuellen Bedürfnisse bestimmt, als wir uns das gemeinhin zugestehen wollen. Wir können lernen, mit dieser Tatsache durch Introspektion bewusster umzugehen. Wir müssten dabei aber auch anerkennen, dass unsere Lebensführung nicht selten im Widerspruch zu einem so genannten vernünftigen Verhalten steht.“
Peter Herrmann, Reflexion, 2015
Heuristisches Modell
Ein heuristisches Modell zur gesunden Lebensführung ist ein praxisorientiertes Konzept, das darauf abzielt, Menschen in verschiedenen Lebensphasen zu unterstützen, ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden zu fördern.“
Der Begriff "heuristisch" bezieht sich dabei auf eine Methode, die durch Erfahrungswissen und intuitive Ansätze schnelle und effektive Problemlösungen ermöglicht. Solche Modelle bieten keine endgültigen Lösungen, sondern dienen als flexible Leitlinien, die individuell angepasst werden können, um reflektierte Entscheidungen in den unterschiedlichen Phasen der gesunden Lebens-(Führung) zu fördern.

Salutogenese – ein positiv wirkender Gesundheitsbegriff
Der Begriff Salutogenese besteht aus zwei griechischen Wörtern und bedeutet “Heil sein” und “das Entstehen von Gesundheit”. Die Fragestellung in der Salutogenese zielt darauf ab, wodurch der Mensch gesund bleibt. Damit stelle er ein Gegenmodell zur Medizin auf.
In dem Modell griff Antonovsky Ergebnisse und Gedanken der Stressforschung auf. Er arbeitete an einer neuen Definition von Krankheit und Gesundheit. Als wichtigen Faktor postulierte er das sogenannte Kohärenzgefühl und entwickelte Widerstandsfaktoren gegen gesundheitsbelastende Einflüsse.
Antonovsky verglich das Leben und die Gesundheit mit einem Fluss. Dieser Vergleich führte dazu, dass ein Perspektivwechsel stattfand und die Salutogenese treffend und lebendig dargestellt wurde. Jeder Mensch schwimmt in einem Fluss voller Stromschnellen, Strudel, Biegungen und Gefahren. Die pathogenetische Medizin möchte helfen, indem Versuche erfolgen, den Ertrinkenden aus dem Fluss zu ziehen. Die Salutogenese greift nicht erst ein, wenn es fast zu spät ist, sondern bringt den Menschen bei, wie man gut schwimmt und sich selbst den Herausforderungen des Lebensflusses stellt. Das Modell der Salutogenese beschreibt die Meisterung der Stromschnellen und Gefahren ohne medizinische Unterstützung. Kurz gesagt: Das Salutogenese-Modell leistet Hilfe zur Selbsthilfe, um harmonisch und balanciert im Fluss des Lebens schwimmen zu können.
https://www.inhesa.de/salutogenese-modell-bedeutung-koharenzgefuhl-pathogenese/
Die künftige Rolle reifer Führungspersönlichkeiten liegt nach meiner Überzeugung vor allem darin, jüngeren Menschen eine Orientierung in ihrem beruflichen Leben und praktische Unterstützung auf ihrem Weg zu einer gesunden Führungspersönlichkeit zu geben.
Die westliche Kultur kennt nicht die Rolle des Lehrers für die Selbstkultivierung der Menschen. Hier spricht man von der Vorbild-Funktion der Führungskraft für ihre Mitarbeiter. Es wird aber nie erörtert, wie die Führungskraft diese besondere Fähigkeit erworben hat. Es ist eine selbstverständliche Erwartung an die Persönlichkeit der Führungskraft. Es wird nie erörtert, wie sich eine Führungskraft zur Führungspersönlichkeit bilden kann. Die persönliche Entwicklung eines Menschen zur guten Führungskraft oder, wie ich es nenne zur Führungspersönlichkeit, ist bisher kein Thema der westlichen Führungskonzepts. Führungskräfte lernen Skills, also Techniken der Führung. Ihnen fehlt ein Bewusstsein für ihre innere Haltung in der Führung.
Die moderne Führungskultur kann von der asiatischen Lebensphilosophie lernen, dass die Entwicklung zur Führungspersönlichkeit mit Begleitung und Anleitung verbunden ist. Diese Rolle können Mentoren übernehmen, die den Prozess der Bewusstseinsbildung in der Führungsarbeit selbst durchlaufen haben. Es wäre wünschenswert, wenn sich ein allgemeines Verständnis für die Bedeutung der Persönlichkeitsbildung in der Führung entfalten würde. Es wäre ein großer Schritt zu einer modernen Führungskultur, in der sich Psychologie und Bewusstseinsbildung verbinden.
Erörterung des Lebensphasen-Modells:
Phase 1: Selbstanalyse und Lebensentwurf als Medium der Lebensführung
Ausgangspunkt ist die Selbstanalyse (vgl. Map). Sie gliedert sich in drei Bereiche: Eigenschaften und Qualifikationen, Bewusstsein und Selbstführung.

Sie ist zugleich ein Selbstentwurf (Vision) von sich selbst. Denn sie enthält Merkmale, auf die sich die Entwicklung der Persönlichkeit im Lebensverlauf richtet. Sie dient als Reflexionsphase der Analyse und Selbstprüfung, die regelmäßig im Lebensverlauf stattfindet. Im Verlauf der Lebenszeit werden die Vorstellungen über Inhalte konkreter und differenzierter.
Die nachfolgende Analyse bezieht sich auf meinen Entwicklungsstand zwischen 30 und 35 Jahre
Analyse des Bereichs „Bewusstsein“:
Merkmal „Ich habe eine Vorstellung von der Zukunft, die ich durch meine Arbeit verwirklichen möchte“:
Zu Beginn meiner beruflichen Entwicklung beruhte mein Selbstverständnis auf mehr oder weniger bewussten Haltungen, Vorstellungen und Verhaltensmustern:
- Auf einem tiefen Vertrauen in meine „Selbstwirksamkeit“, der Überzeugung, auch schwierige Situationen und Herausforderungen aus eigener Kraft erfolgreich bewältigen zu können.
- Auf einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl
- Auf einer familiär geprägten engen Verbindung von Arbeit und Leben
- Auf einem traditionellen Verständnis von Führung.
Diese Merkmale beschreiben meinen inneren Kompass, an dem ich mich zum Teil heute noch intuitiv orientiere.
Analyse des Bereichs „Selbstführung“
Sämtliche Merkmale waren zu diesem Zeitpunkt nicht in meiner Aufmerksamkeit. Körperliche und seelische Symptome wurden nicht als erkannt. ( > Ego-Phase)
Analyse des Bereichs „Eigenschaften und Qualifikationen“
Durch meine Bewerbungen für eine Leitungsfunktion hatte ich zwischen 35 und 40 Jahren ein differenziertes Bild von meinen persönlichen Eigenschaften und Qualifikationen.
Fazit: Anhand einer differenzierten Bestandsaufnahme zum Zeitpunkt einer Entscheidung für eine Leitungsposition lässt sich der Entwicklungsbedarf zu einer Führungspersönlichkeit gut ablesen.
Phase 2: Ego-Phase der Selbstverwirklichung
Spirituelle Dimension unserer Existenz
Das nachfolgende Zitat von Williges Jäger bringt die Bedeutung der Ego-Phase für die Führungspersönlichkeit zu Bewusstsein:
„Unser Ich-Bewusstsein hat sich aus primitiveren Formen, die einen magischen und mythischen Hintergrund hatten, in das mentale, personale Bewusstsein entwickelt (Gebser). Es organisiert, leidet, freut sich und programmiert die Zukunft. Es ist voller Wünsche, Pläne, Hoffnungen und Enttäuschungen. Es neigt seinem Wesen nach zu Isolation und spiegelt uns vor, es sei unsere wahre Identität. Wir haben zu erkennen, dass unser personales Bewusstsein sich so entwickeln musste, um schöpferisch und kreativ zu werden. Es soll Lebensfreude und ein Ja zu sich selbst und zum Leben entwickeln und Verantwortung für das eigene Leben und die eigene Biographie übernehmen. Was uns jedoch offensichtlich fehlt, ist die Fähigkeit, die Balance zwischen Ich und Gemeinschaft zu finden und Mitverantwortung für die anderen und die Gesellschaft zu übernehmen.“
Williges Jäger, Wir verfehlen uns gegen die Grundstruktur des Universums, in: Zen im 21.Jahrhundert, 1.Auflage, Bielefeld 2009.
Ohne ein Verständnis für die übergeordnete Bedeutung der Ego-Phase kann eine Führungspersönlichkeit sich leicht in Zweifeln, Ängsten und Zwängen verlieren. Es fehlt ihr ein Maß für ihre Anstrengungen. Sie erkennt nicht den essessenziellen Wert dessen, was sie tut. Die junge Führungspersönlichkeit erkennt daher nicht, dass ihr egoistisches Handeln zugleich eine Aufgabe für die kollektive Weiterentwicklung erfüllt. Gerade besonders motivierte Menschen geraten in dieser Situation in Gefahr, dauerhaft am Pol der Krankheit zu verharren.
Das sehen wir am Beispiel der eingangs erwähnten jüngeren Führungskraft. Doch es ist kein hinzunehmendes Schicksal. Williger Jäger hat sich zeitlebens durch sein Lehren dafür eingesetzt, dass wir uns dieser Fähigkeit bewusst werden, Verantwortung für die anderen und die Gesellschaft zu übernehmen.
Salutogenese –eine positive Lebensphilosophie der Gesundheit
Die Fragestellung in der Salutogenese zielt darauf ab, wodurch der Mensch gesund bleibt. Als wichtigen Faktor postulierte Antonovsky das sogenannte Kohärenzgefühl und entwickelte Widerstandsfaktoren gegen gesundheitsbelastende Einflüsse.
Antonovsky definierte Gesundheit als einen Prozess zwischen den Polen von Gesundheit und Krankheit. Gesünder ist der, der sich mehr am Pol der Gesundheit orientiert. Dies entspricht meiner Vorstellung, dass eine an der Gesundheit orientierten Lebensführung mehr Rücksicht auf die eigenen vitalen Lebensressourcen nimmt.
Aber auch wenn ein Mensch zeitweise ein sehr intensives Leben führt, wie dies in der Ego-Phase der Führungspersönlichkeit regelmäßig der Fall ist, bedeutet das noch nicht, dass ihr Zustand pathologisch ist. Im Gegenteil: Positiver Stress kann gesundheitlich positiv wirken.
Es gibt aber einen Kipppunkt zum Krankheitspol, wenn es nicht mehr gelingt, aus dem Stress von selbst in die Nähe des Pols der Gesundheit zurückzukehren. Ein bekanntes Anzeichen für diesen pathologischen Zustand ist der sogenannte Tunnelblick.
Ich habe mein Leben in der Ego-Phase lange Zeit als defizitär empfunden. Ich stand noch zu sehr unter dem Eindruck meiner körperlich-seelisch-geistigen Krise. Eine größere zeitliche Distanz ermöglichte mir die produktive und vitalisierende Bedeutung der Ego-Phase anzuerkennen und in eine positive Lebensphilosophie der Gesundheit und Weisheit zu integrieren.

Phase 3: Wir Phase - Hinwendung zur Gemeinschaft
Was brauchen Menschen in der Wir- Phase? Dies ist eine strategische Frage der Führungspersönlichkeit. Den Perspektivwechsel der egoistischen Führungskraft zur Verantwortung für die Gemeinschaft verbinde ich mit der veränderten Haltung der Wertschätzung.

Phase 4: Bedürfnisse und Wünsche an das Leben
„Was ist mir wirklich wichtig im Leben?“ (Postkarte)
Manchmal stellt das Leben auf seine Weise für uns diese Frage, wenn wir noch nicht bereit sind, sie selbst zu stellen: Die Vorboten meiner Lebenskrise waren eine innere Leere und starke körperliche Schmerzen. Erst langsam entdeckte ich meine grundlegenden Bedürfnisse und Wünsche an das Leben wieder. Schritt für Schritt wurde ich mir bewusst, wie wichtig seelische Verbundenheit, emotionale Beziehungen und körperliche Berührungen für mein Wohlbefinden und mein Glück sind. Ich fühlte, dass es vielen anderen genauso geht. Seitdem verstehe ich die gegenseitige Befriedigung grundlegender Bedürfnisse und Wünsche an das Leben als natürliches Bindeglied zwischenmenschlicher Beziehungen.
Tatsächlich sehe ich in den grundlegenden Bedürfnissen und Gefühlen eine starke Motivation zur Entwicklung eines WIR-Gefühls. In meinem Coaching habe ich oft mit Menschen zu tun, die ihr Bedürfnis nach Verbundenheit in ihr berufliches Leben integrieren möchten.
„Das Ego ist das nicht beobachtete Selbst. Sobald man hinschaut, ist sein Spiel beendet.“
Das bedeutet für mich: Das Ego der Führungspersönlichkeit ist sich selbst gegenüber blind und versteht die eigenen seelischen und körperlichen Bedürfnisse nicht. Ich nenne es die Ich-Perspektive. Diese ist für eine bestimmte Phase des beruflichen Lebens möglicherweise unerlässlich, um ein berufliches Ziel konsequent verfolgen zu können. Sie ermöglicht ein hohes Maß an Kreativität und unterstützt den persönlichen Gestaltungswillen.

Viele kreative Menschen kennen diese Phase erhöhter und angestrengter Aufmerksamkeit in einem für sie wichtigen Projekt. Das ist auch bei Künstlern so. Dieser Zustand wird oft auch als angenehmer Flow erlebt. Doch irgendwann kommt der Punkt, wo die eigenen grundlegenden seelischen und körperlichen Bedürfnisse Beachtung finden müssen, um in dieser drangvollen Phase gesund bleiben zu können.
Menschen, die ein Gespür für diesen Moment entwickelt haben, wechseln rechtzeitig in den Modus der bewussten Lebensführung: Innehalten, Besinnung, Selbstprüfung und bewusste Entscheidung über das weitere Vorgehen. Das ist der Modus, wo das Ego sich selbst beobachtet und sich kritisch prüft. Andere bleiben in ihrem Ich-Modus befangen, mit gravierenden Folgen für die eigene Gesundheit.
Das Paradoxe dieser Entscheidungssituation ist jedoch, dass gerade das ausgeprägte Ego vieler Führungskräfte ein Hindernis ist, das eigene Führungsverhalten regelmäßig zu überprüfen: „Ich habe keine Zeit für mich“ heißt übersetzt „Ich brauche das nicht!“ Diese Reaktion erlebe ich in meiner Praxis als Coach immer wieder. Als Coach kann ich daher nur die Menschen erreichen, die schon für eine Veränderung offen und bereit sind.
Indem ich meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche wiederentdeckte und erkannte, wie sehr sie mein Wohlbefinden beeinflussen, lernte ich, auch anderen dabei zu helfen, diesen entscheidenden Schritt zu machen. So entstand mein Konzept für ein bewusstes, erfülltes Leben, das nicht nur im beruflichen Kontext, sondern auch im persönlichen Bereich Anwendung findet. Es ist ein Konzept, das auf der Anerkennung und Erfüllung grundlegender Bedürfnisse basiert und das Potenzial hat, das Leben nachhaltig zu verändern.
Phase 5: Strategische Neuausrichtung zur Beziehungskultur
Die Entwicklung einer Beziehungskultur muss von der Führungspersönlichkeit ausgehen. Die Systemtheorie schien diese These zu widerlegen. Faktisch geht aber keine Innovation im System an der Führungsposition vorbei. Die Führungspersönlichkeit selbst ist oft der Initiator und „Antreiber“ von Innovation im System. Ihr Engagement für ein modernes Führungskonzept beruht dann auf einer intrinsischen Motivation für das innovative Projekt. Objektiv nimmt sie dabei ein Risiko des Scheiterns auf sich. Aber ihre Überzeugung, dass Richtige und Notwendige für das System zu tun, gibt ihr die notwendige innere Stärke und die Überzeugungskraft, andere für ihre Vision von einer neuen Führungs- und Beziehungskultur zu gewinnen. Eine Bedingung dafür ist, dass die anderen sich die Vision zu eigen machen und die praktische Entwicklung und Umsetzung als ihre Aufgabe betrachten. Eine weise Führungspersönlichkeit wird diese Aneignung innerlich begrüßen und auf die alleinige Urheberschaft verzichten. Von einer zurückgenommenen Führungsposition entwickelt sie ihre neuen Rollen in einer neuen Führungs- und Beziehungskultur.
Phase 6: Freiheit der Neuorientierung
„Wohin soll meine Reise gehen? Worauf hin will ich mich bewegen?“
In der westlichen Vorstellung hat Freiheit und Individualität in der Persönlichkeitsentwicklung etwas Absolutes und Unbegrenztes an sich. Diesem Lebensstil sind Begrenzung und ein Maß für eine gesunde Lebensführung fremd. Konzepte wie The Big Five versprechen die Möglichkeit, sich völlig neu zu erfinden. Die Enttäuschung einer jungen Führungskraft war tiefgreifend, als dieser Effekt sich nicht einstellte. Sie lernte anzuerkennen, dass die persönliche Entwicklung auch Bedingungen unterliegt, auf die wir wenig Einfluss haben.
Eine Lehre meines Lebens besteht darin, anzuerkennen, dass ich den Wesenskern meiner Persönlichkeit nicht ändern kann. Ich bin damit auch einverstanden, denn im Wesenskern liegt meine innere Stärke.
Nach meinen Vorstellungen gehen wir unseren individuellen Weg zwischen Freiheit und Bedingtheit. Wir haben mehr Freiheit, als wir glauben, unser Leben ist weniger bedingt, als wir befürchten. Es ist der Sinn unseres Lebens, den für uns richtigen Weg herauszufinden. Dazu gehört auch die Freiheit sich neu zu orientieren auf dem Lebensweg zu einer kultivierten Führungspersönlichkeit.
Phase 7: Regelmäßige Besinnung und Selbstprüfung
Diese Phase dient der regelmäßigen Besinnung im Fluss des Lebens. Sie ist fester Bestandteil der Lebensführung und findet regelmäßig statt. Sie dient der Besinnung über die Frage: „Worum geht es mir eigentlich in meinem Leben?“
In einem vertiefenden Gespräch mit einem Mentor oder im Wege der Selbstreflexion werden vertiefende Fragen analysiert und bewertet. Die regelmäßige Durchführung der Selbstprüfung steht in direkter Verbindung mit der Phase 6 „Freiheit der Neuorientierung“. Es ist die gleiche Situation wie an einer Weggabelung. Tatsächlich treffen wir solche Entscheidungen täglich und intuitiv. Warum dann diese regelmäßige Besinnung?
Sie trägt der Erfahrung Rechnung, dass die Arbeit der Intuition Zeit braucht, um Fragen der Lebensführung vertieft und stimmig beantworten zu können. Es ist zugleich auch eine Zeit der körperlichen und geistigen Übungen zur Pflege der psychophysischen Gesundheit. Meditation und Gymnastik bilden deshalb einen festen Bestandteil des Alltags. Offene, interessierte und kultivierte Gespräche in der Familie und unter Freunden ergänzen oder ersetzen die Rolle des Mentors.
Phase 8: Nachberufliche Lebensphase
Das Konzept des lebenslangen Lernens geht von der Vorstellung aus, dass sich ein Mensch auch im Alter weiterentwickelt. Eine konkrete Aufgabe, an der sich eine Persönlichkeit im Alter analog zum strukturierten Berufsleben entwickeln könnte, besteht jedoch oft nicht. Der Mensch sieht sich völlig frei in seiner Entscheidung über die Gestaltung seines Lebens bis zum Tod. Darauf sind viele Menschen nicht vorbereitet. Sie haben nicht gelernt, einen eigenen Lebensentwurf zu entwickeln und Pläne für das Alter zu schmieden. Dies gilt vor allem für Männer, aber zunehmend auch für Frauen, die sich an ein vorstrukturiertes Berufsleben gewöhnt haben.
Manche fürchten sich vor einem unstrukturierten Tagesablauf:
„Ich habe Angst, dass ich auf dem Sofa liegen bleibe!“
Andere setzen den aktiven Lebensmodus der Arbeitswelt im Alter übergangslos fort, solange es irgend geht. Tendenziell mehr Frauen als Männer fühlen sich in Familienarbeit, der Pflege von Familienmitgliedern und öffentlichen Ehrenämtern sinnvoll beschäftigt.
Übergang zur nächsten Lebensphase
Der Übergang in den Ruhestand ist für die meisten Menschen ein tiefer Einschnitt in ihr gewohntes Leben. Die Tatsache, dass das Leben endlich ist, tritt jäh ins Bewusstsein und erzeugt ein beklemmendes Gefühl. Es gibt auch keine gesellschaftlichen Erwartungen mehr an die Menschen im Ruhestand, was ein Gefühl der Nutzlosigkeit erzeugen kann, besonders bei Menschen, deren Wohlbefinden stark von Erfolgserlebnissen und Anerkennung im Beruf abhängig war. Viele Menschen haben Angst, in ein tiefes Loch zu fallen. Sie fühlen sich auf diese Situation nicht vorbereitet und der Leidensdruck ist hoch.
Die Menschen stehen unvermittelt vor der Aufgabe, sich Gedanken über ihr weiteres Leben machen zu müssen, ohne jegliche Orientierung. Viele haben nie gelernt, sich an ihren eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu orientieren. Die Zwänge der Arbeit und die Erwartungen des sozialen Umfelds haben den Menschen lange eine feste Struktur für ihr tägliches Leben gegeben. Dass diese Routine ihrem Leben auch einen Sinn gegeben hat, wird vielen Menschen erst beim Übergang in den Ruhestand bewusst. Vielleicht wird dem einen oder der anderen jetzt bewusst, wie einseitig seine bisherige Lebensweise war. Es entsteht das Gefühl, etwas versäumt zu haben und etwas nachholen zu müssen. Das ist der Kipppunkt, an dem eine bewusste Lebensführung im Alter möglich wird.
Meine persönliche Erfahrung und der Weg zur neuen Berufung
Ich gehöre zu denjenigen, die schon im Beruf eine Vorstellung für das Leben im Alter entwickelt haben. Die Tätigkeit als Coach für Führungskräfte ist seit über zehn Jahren eine sinnvolle und anspruchsvolle Aufgabe für mich. Im Coaching fand ich Anlässe und Motivation, mich mit dem Thema „Führung“ noch gründlicher und intensiver auseinanderzusetzen. Mein Freund Paul, ein ehemaliger Shell-Manager, und ich führten regelmäßige Diskussionen über das Thema „Führung“. Unsere Diskussionen waren intellektuell anspruchsvoll und bereicherten uns beide. Jeder versuchte auf seine Weise, sein Bedürfnis, Erfahrungen „an den Mann zu bringen“, zu befriedigen. Paul arbeitet bei einer kommunalen Bürgerbewegung mit dem bezeichnenden Namen „Uffbasse“ mit. Ich widmete mich dem langgehegten Wunsch, mein Erfahrungswissen aufzubereiten und jüngeren Führungskräften zur Verfügung zu stellen.

„Sei weise und klug in der Führung!“ Ich fühlte mich in meinen Gedanken zunehmend als Lehrer angesprochen. So kam ich zur chinesischen Weisheitslehre. Darüber habe ich meine eigenen weisen Vorbilder wiederentdeckt, die mein Verhalten schon in jüngeren Jahren beeinflusst haben. Die Weisheit älterer Führungspersönlichkeiten kann also schon in jüngeren Jahren Einfluss auf unsere eigene Persönlichkeitsentwicklung nehmen. Ihre Haltung bleibt dann lange ein unbewusstes Vorbild für uns, bis wir sie auf unserem eigenen Weg zur Führungspersönlichkeit wertschätzend und differenziert integrieren können. Diese Erkenntnisse führten mich zu meinem Konzept „Mentoring 2.0 – Persönlichkeit und Führung“.
Neue Perspektiven und die Rolle des Coachings
Jemand, der davon überzeugt ist, dass er seine Vorstellungen von einem erfüllenden Leben im Alter verwirklichen kann, wird diese Entscheidung leicht treffen können. Er wird diesen Weg zu sich selbst selbstbewusst und neugierig beschreiten. Für viele andere ist diese Vorstellung von einer Persönlichkeitsentwicklung im Alter jedoch noch nicht so selbstverständlich. Sie werden in ihrer Umgebung eher auf Skepsis und Unverständnis treffen. Wenn sie ihre eigenen Vorstellungen von einem glücklichen Leben im Alter verwirklichen wollen, werden sie sich darüber hinwegsetzen müssen. Sie werden dafür Unterstützung in der Familie und bei Freunden suchen. Ein erfahrener Coach oder ein anderer professioneller Lebensberater kann den individuellen Prozess begleiten und auch Hilfestellung geben.
