Politik ist für die Menschen da!
Rückblick auf einen Brief an meinen Freund Heinz vom 24.09.2017, der immer noch aktuell ist.
Lieber Heinz,
Das Wahlergebnis 2017 hat uns erschüttert – die AfD sitzt im Bundestag. Doch es gibt auch positive Seiten: Die Wahlbeteiligung ist gestiegen, was zeigt, dass mehr Menschen am politischen Prozess teilnehmen wollen. Das zwingt die etablierten Parteien, sich um jene Wähler zu bemühen, die sich bisher nicht gehört fühlten, und Themen anzugehen, die lange ignoriert wurden, wie die besonderen Bedürfnisse vieler Ostdeutscher. Um Zusammenhalt zu fördern, muss die Politik die Perspektiven aller einbeziehen – auch wenn das für manche unbequem ist.
Die tiefe Verwurzelung von Ressentiments habe ich oft selbst erlebt. In meiner Arbeit als Schulleiter zeigte sich das, wenn Eltern Ängste äußerten, dass „Ausländerkinder“ das Niveau senken oder ihren Kindern Chancen wegnehmen. Diese Ängste lassen sich nicht mit moralischen Appellen beseitigen – sie sind tief verankert. Hier hilft Beziehungsarbeit: Wenn echte Verbindungen zwischen Einheimischen und Migranten entstehen, wird aus einem „die Anderen“ ein „Wir“. Das Miteinander in der Schule hat mir gezeigt, dass diese Ängste oft von selbst weichen, wenn echte Begegnung stattfindet.

Genau das wünsche ich mir auch für die Politik: eine stärkere Betonung der Beziehungsarbeit. Der Westen hat den Osten nach der Wende häufig überrollt und dabei die Spuren der DDR-Kultur ignoriert. Erwin Sellering, ehemaliger Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, verstand die Bedeutung regionaler Identität und erkannte, wie wichtig es ist, die Geschichte und Erfahrungen der Ostdeutschen anzuerkennen. Gerade weil Sellering, der aus dem Westen kam, den Menschen im Osten Respekt zollte, fand er Gehör und bewahrte die SPD in Mecklenburg-Vorpommern vor stärkeren Verlusten. Er wusste, wie wichtig es ist, das Gefühl von Zugehörigkeit und Anerkennung zu stärken.
Die Menschen wollen nicht verwaltet, sondern ernst genommen werden und sich sicher fühlen. Die Wahl der AfD war für viele ein Aufschrei: „Hört uns zu und nehmt uns ernst!“
Gelingt das nicht, bleibt als Alternative oft nur eine Machtpolitik, die auf Ressentiments gegen Minderheiten und Nationalismus setzt – wie wir es bei Autokraten à la Orban, Erdogan, Putin oder Trump sehen. Oder es entsteht eine Politik, die sich von oben herab und aus einem elitären Selbstverständnis leitet.. Beides sind gefährliche Pfade, die die Demokratie untergraben und das Vertrauen in die Politik weiter schwächen.
Für mich bleibt also nur eins: Wir müssen die Demokratie neu oder sogar erst richtig lernen. Deutschland hat gute Voraussetzungen, sowohl in der Einstellung der meisten Wähler als auch in den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Doch die Demokratie lebt von einer politischen Kultur, die echte Beziehungen fördert und den Dialog stärkt – eine Aufgabe, der die Führung heute leider oft nicht gerecht wird. Demokratie muss als Beziehungsarbeit verstanden werden, damit die Menschen spüren, dass Politik wirklich für sie da ist.
Liebe Grüße, Peter 17.11.2024

